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Home : news : 2012 : Weiter in der Warteschleife

Weiter in der Warteschleife

Ski-Kongress: Oberstdorf scheitert auch im dritten Anlauf: Nur drei von 15 Stimmen bei der WM-Bewerbung 2017. Mit dem finnischen Lahti sind erneut die Skandinavier am Zug

01.06.2012 - 8:27 Uhr

Was mag Josef Geiger, dem Vorsitzenden des Skiclubs Oberstdorf, in diesen Sekunden wohl alles durch den Kopf gegangen sein. Als Gian Franco Kasper zum Rednerpult schritt. Als nebendran Alfons Hörmann, Chef des Deutschen Skiverbandes, ein Pokergesicht machte und doch alles verriet. Und als wenige Augenblicke später Kasper, der oberste Ski-Funktionär, ein Kuvert öffnete – und unmissverständlich zwei statt der erhofften drei Silben ins Mikrofon presste: „Lah-ti“. Und nicht O-berst-dorf.
Geiger stand mit versteinerter Miene da. Wieder leer  ausgegangen, wieder alle Mühen für die Katz. Wieder einem anderen WM-Bewerber unterlegen. Josef Geiger, der noch am Donnerstag früh frohgemut die Oberstdorfer Delegation aufzuputschen versuchte („Jungs, Mädels, wir holen die WM“), war plötzlich Stumm wie ein Fisch. Auf seine Seelenlage angesprochen, meinte der ansonsten hart gesottene Bauunternehmer wenig später: „Da schauen Sie g´rad in ein großes schwarzes Loch, ganz tief.“ Auch nebenan an den Stehtischen des Kangwon-Land-Hotels herrschte Trauerstimmung. Vereinzelt flossen sogar Tränen – bei denen, die ein Jahr lang für diesen Moment gearbeitet haben. Der Nutzen dieses Schaffens verkam in diesem Augenblick zur Farce.
Oberstdorf war zum dritten Mal hintereinander gescheitert. Wollten die Allgäuer überhaupt etwas Positives aus diesem Ergebnis ziehen, dann die Tatsache, dass man es dieses mal immerhin bis in den zweiten Wahldurchgang geschafft hat. Die letzten beiden Male flog man mit jeweils einer Stimme schon in der ersten Runde raus.
Zakopane ohne Stimme
Noch härter traf es diesmal Zakopane, dass 2010 eine Junioren-WM und im vergangenen Winter einen Weltcup der Nordischen Kombination kurzfristig hatte absagen müssen. Die Quittung vom FIS-Vorstand war unmissverständlich: null Stimmen, und das, obwohl es bereits der vierte Anlauf der Polen hintereinander war und obwohl man zuletzt 1962, also vor 50 Jahren, internationale Titelkämpfe für Langläufer, Skispringer und Kombinierer ausrichten durfte. Aber die „Fälligkeit“ von Kandidaten scheint beim Skiverband, anders als beim internationalen Olympischen Komitee, Stichwort Pyeongchang, kein Auswahlkriterium mehr zu sein – was auch Oskar Fischer, der langjährige FIS-Funktionär aus Oberstdorf, „erleichtert“ zur Kenntnis nahm. Denn fällig wäre nach Oslo/Norwegen (2011), Val die Fiemme/Italien (2013) und Falun/Schweden (2015) eigentlich wieder ein Ausrichter in Zentraleuropa gewesen. Dass sich am Ende der finnische Vertreter Lahti durchsetzte, war zumindest für die Oberstdorfer noch einigermaßen zu verschmerzen. „Zakopane oder Planica als Sieger, da hätte ich die Krise bekommen“, bemerkte Stefan Huber, der die Bewerbung als Geschäftsführer der Skisport- und Veranstaltungs GmbH federführend vorbereitet hatte. Lahti bestach durch eine sehr humorvolle Präsentation (ein TV-Moderator interviewte Skisprungtrainer Mika Kojonkoski) und verknüpfte die WM 2017 mit dem 100. Geburtstag der Unabhängigkeit Finnlands.
Wie es mit den Oberstdorfern und ihren WM-Ambitionen weitergeht, stand zumindest gestern noch in den Sternen. Eine erneute Kandidatur für 2019 erscheint eher fraglich, weil man beim nächsten Kongress in zwei Jahren in Barcelona eigentlich alleiniger Bewerber für die Skiflug-WM 2018 wäre. „Mit zwei Kandidaturen anzutreten, wäre sehr ungewöhnlich“, so der DSV-Präsident Hörmann. Der Sulzberger kündigte eine Entscheidung erst in den nächsten zwölf Monaten an. Vorher werde man „in aller Ruhe mit den Oberstdorfern das Scheitern analysieren und dann mit der FIS Gespräche führen, welche Strategie künftig überhaupt Sinn macht.“
Und Josef Geiger? Der hatte drei Stunden nach der Bekanntgabe zumindest wieder seinen Humor gefunden, oder besser gesagt seinen Galgenhumor: Beim gemeinsamen Abendessen mit dem DSV bestellte er „aus Protest und Verzweiflung“  ein Glas Wasser und eine Schale verklebten und trockenen Reis. Tief in der Nacht, so munkelt man, soll aber noch das ein oder andere Frustbier geflossen sein.

Josef Geiger, Vorsitzender des Skiclub Oberstdorf: „Die Enttäuschung ist riesengroß. Ich  hatte mit realistische Chancen ausgerechnet, dass wir diesmal zum Zug kommen. Wir haben eine gute Präsentation gemacht, manche sagen sogar, die beste. Letztlich waren es wohl sportpolitische Gründe, die wir als kleiner SCO aber nicht beeinflussen können.“

Stefan Huber, Koordinator der Bewerbung: „Die Stimmung ist natürlich am Boden. Wir sind hierher gereist, um die WM zu holen. Das haben wir nicht geschafft. Aber letztlich ist auch so eine WM-Vergabe nur ein Sport, wo nur einer gewinnen kann. Wir reisen jetzt erstmal heim und verdauen das. Dann haben wir ein Jahr Zeit, um zu entscheiden, ob wir uns wieder bewerben.“

Dr. Peter Kruijer, stellvertrender SCO-Vorsitzender: „Wenn man all die Mühe in der Vorbereitung und vor Ort sowie den finanziellen Aufwand betrachtet, sind wir doch sehr enttäuscht. Viel gelobt und nix erreicht, ist das Fazit nach diesem Winter, in den wir zu unseren Großveranstaltungen kurzfristig noch einen Weltcup in der Nordischen Kombination übernommen haben. Das ist vor allem für die vielen Helfer bitter. Es wird schwer sein, sie für eine weitere Bewerbung zu motivieren, wenn man bedenkt, dass Planica, wo nichts gemacht wurde, außer eines Skiflu-Weltcup, mehr Stimmen erhielt als wir.“

Laurent Mies, Bürgermeister von Oberstdorf: „Es ist schon sehr schade. Denn wenn man antritt, will man auch gewinnen. Aber Lahti ist auch ein Konkurrent, gegen den man verlieren kann. Wir haben keine Fehler oder Versäumnisse gemacht. Im Gegenteil. Wir hatten eine sehr gute Präsentation, bei der sich der DSV und unsere Oberstdorfer sehr ins Zeug gelegt haben.“

Text: Thomas Weiß, Elke Wiartalla; Allgäuer Anzeigeblatt 01.06.2012